Projekt: "Die Welthandelsorganisation -
Institutionelle Reform und Entwicklung"
1. Hintergrund
Bis vor wenigen Jahren haben internationale Organisationen kaum das Interesse der breiten Masse gefunden. Traditionell wird die Legitimität ihrer Entscheidungen von der Zustimmung ihrer Mitgliedstaaten abgeleitet. In den letzten Jahren sind internationale Organisationen allerdings zunehmend in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Internationale Regelwerke wirken inzwischen deutlich auf nationale Regelungsbestände ein, und verkleinern die Handlungsspielräume von Nationalstaaten. Vor diesem Hintergrund kritisiert eine stetig wachsende Anzahl von Nichtregierungsorganisationen und Globalisierungskritikern sowohl die "undemokratischen" Entscheidungsprozesse in den internationalen Organisationen, als auch deren häufig als problematisch wahrgenommenen Entscheidungsoutput.
Stellvertretend für viele internationale Organisationen steht die Welthandelsorganisation WTO, die 1995 durch das Marrakesh Abkommen geschaffen wurde. Nach zahlreichen Beitritten hat die WTO inzwischen 149 Mitgliedstaaten, von denen die Mehrzahl zu den Entwicklungsländern zählt. Die WTO hatte in den letzten Jahren größere Schwierigkeiten, Fortschritte bei der Handelsliberalisierung zu erreichen. 1999 und 2003 bildeten die gescheiterten Ministerialkonferenzen in Seattle und Cancún einen Schauplatz für spektakuläre Proteste von Nichtregierungsorganisationen.
Seit dem Ende der 90er Jahre beschäftigen sich Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen intensiv mit einer Reform der Welthandelsorganisation. Obwohl internationale Organisationen schon früh als internationale Verwaltungen beschrieben wurden, steht eine systematische Beschäftigung der Verwaltungswissenschaft mit internationalen Organisationen bis heute aus. Insbesondere wird bei der Analyse internationaler Organisationen kaum auf Bestände der Organisationstheorie zurückgegriffen. Diese hat sich bisher weitgehend auf die Analyse von innerstaatlichen Organisationen, insbesondere der von korporativen Akteuren konzentriert.
2. Zielstellung/Forschungsfragen
Ziel des Forschungsprojekts ist die Beschreibung und Analyse der Welthandelsorganisation WTO unter Zuhilfenahme von Konzepten aus der Verwaltungswissenschaft, insbesondere der Organisationstheorie. Auf dieser Grundlage sollen tragfähige Reformvorschläge entwickelt werden.
In einem ersten Schritt soll die WTO als Organisationstypus eingeordnet werden. Dazu werden zunächst Idealtypen einer internationalen "corporate organization" und einer "membership organization" mit ihren Merkmalen entwickelt und einander gegenübergestellt. Welche Merkmale weist die WTO auf?
In einem zweiten Schritt sollen Defizite der WTO im Bereich der Effektivität, Chancengleichheit der Mitgliedstaaten und Gleichwertigkeit von Zielen (Equity) sowie von - empirisch wahrgenommener - Legitimität analysiert werden. Welche Defizite können bei der WTO wahrgenommen werden, und inwiefern stehen diese Defizite mit dem von der WTO vertretenen Organisationstypus in Verbindung?
In einem drittten Schritt sollen Problemlösungsansätze für die Welthandelsorganisation entwickelt werden. Dabei ist davon auszugehenn, dass die vorliegenden Organisationsmerkmale nicht nur das tägliche Funktionieren der WTO, sondern auch deren Reformfähigkeit entscheidend beeinflussen. Daher können Reformmaßnahmen nur unter Berücksichtigung rechtlicher und politischer Variablen entwickelt werden.
3. Vorgehen
Zunächst wird die bestehende Literatur zu internationalen Organisationen im allgemeinen und zur Welthandelsorganisation im besonderen ausgewertet. Dabei werden Organisationsmerkmale und Defizite der WTO im Bereich der Effektivität, Equity und Legitimität erfasst.
Zur Vertiefung werden anschließend eine Reihe von Experteninterviews mit vier verschiedenen Akteursgruppen durchgeführt: (1) Angestellte des WTO-Sekretariats, (2) Repräsentanten von Mitgliedstaaten der WTO, (3) Vertreter von Nichtregierungsorganisationen sowie (4) anderen internationalen intergouvernementalen Organisationen.