Netzwerke

Projekt: "Organisationale, europäische und nationale Einflüsse auf die Netzwerkstrategie und Netzwerkfähigkeit von Forschungsgruppen"

Organisationale, europäische und nationale Einflüsse auf die Netzwerkstrategie und Netzwerkfähigkeit von Forschungsgruppen

Laufzeit: 1.11.2006 - 31.07.2010

1.  Hintergrund

Das Projekt ist ein Teilprojekt der ortsverteilten Forschergruppe „Governance der Forschung“, deren Sprecherin Frau Prof. Dr. Jansen ist und deren Fortsetzung von der DFG im Juli 2006 bewilligt wurde. Es ist das Nachfolgeprojekt des Projektes "Netzwerkstrategie und Netzwerkfähigkeit von Forschungsgruppen in Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen".

2.  Zielstellung/Forschungsfragen

Das deutsche Forschungssystem steht seit Mitte der 1990er Jahre unter Reformdruck. Zunehmend beginnen Forschungsorganisationen sich als autonome Akteure zu verstehen. Ziel der Reformmaßnahmen ist es Effizienz und Effektivität des deutschen Forschungssystems zu erhöhen. Neben einer Stärkung von Organisationsleitungen ist auch ein zunehmender Wettbewerb um Drittmittel und eine Intensivierung der Vernetzungsbemühungen der Forscher sichtbar. Das Projekt untersucht die intendierten und unintendierten Effekte dieser Reformmaßnahmen und Entwicklungen. In der zweiten Projektphase wird die Längsschnittanalyse der drei zentralen Variablenbündel interne und externe Governance, Performanzvariablen sowie Netzwerkstrukturen und Netzwerkstrategie fortgesetzt. Dazu werden jeweils 25 Forschungsgruppen aus der Astrophysik, der Nanowissenschaft und der Ökonomie befragt und interviewt. Neben Ego-zentrierten Netzwerken für die Netzwerkstrukturen werden auch bibliometrische Maße für die Performanzanalyse einbezogen. Die von forschungspolitischer Seite häufig vernachlässigten disziplinären Unterschiede in der Wissensproduktion, können durch solch einen Disziplinenvergleich herausgearbeitet werden.

4.  Ergebnisse/erwarteter Ertrag

Das Projekt wird wesentliche Beiträge zur aktuellen Reformdiskussion und zur Bewertung und Nachsteuerung der Reformen im deutschen Wissenschaftssystem liefern. Die bisherigen zentralen Projektergebnisse lassen sich in sieben Punkten zusammenfassen:


1) Die Evolution von Netzwerkstrukturen ist ein komplexer, interdependenter Prozess auf der Mikro- und Makroebene und steht in Wechselwirkung mit den kognitiven Strukturen einer Disziplin. Auf der subjektiven Ebene der Forschungsgruppen äußert sich dies in verschiedenen Netzwerkstrategien, die disziplinär unterschiedlich häufig verbreitet sind.
 

2) Bewertung von Reformmaßnahmen wie Netzwerkaufbau, Schwerpunktbildung, Orientierung auf Drittmitteleinwerbung: Hier deutet sich an, dass der Nutzen derartiger Strategien in hohem Maße disziplin- und institutionenspezifisch ist, einheitliche Steuerungsinstrumente also fehlgehen müssen.
 

3) Die Untersuchung des verstärkten Drittmittelwettbewerbs und der Einführung der leistungsorientierten Mittelvergabe lässt unintendierte Effekte sichtbar werden. Die übermäßige Finanzierung von Forschungs-vorhaben über Drittmittel kann die Produktivität von Forschungsgruppen einschränken. Zudem verschlechtern Drittmittelabhängigkeit und leistungsorientierte Mittelvergabe die Möglichkeiten, unkonventionelle Forschung durchzuführen.
 

4) Für die Nanowissenschaft zeigt sich, dass diese nur sehr partiell den theoretisch postulierten Charakteristika des „Mode 2“ der Wissensproduktion entspricht. Nichtsdestotrotz orientiert sich die Forschungsförderung an den hier als performanzfördernd unterstellten Kriterien. Für den Effekt der oft geförderten Industriekooperationen lässt sich ein negativer Effekt jenseits eines disziplinspezifischen Schwellenwerts nachweisen.
 

5) Die Mehrdimensionalität des Forschungsoutputs (Wissensproduktion, Nachwuchsförderung, Infrastrukturleistungen und Wissens- und Technologietransfer) ist ein zentrales Element zum Verständnis des Wissenschaftssystems. Forscher spezialisieren sich reflexiv in diesen Dimensionen, durch einseitige Anreizmechanismen kann die funktionelle Balance auf der Ebene des gesamten Forschungssystems gefährdet werden.
 

6) Netzwerkstrukturen können je nach Disziplin unterschiedliche Effekte auf die Leistungsfähigkeit von Forschungsgruppen haben. Während in der Nanowissenschaft heterogene Netzwerke, die strukturelle Löcher überwinden, von Vorteil sind, sind es in der Astrophysik eher geschlossene und stabile Netzwerke.
 

7) Es gibt qualitative Unterschiede zwischen Grund- und Drittmitteln. Der Grundausstattung kommt eine zentrale Rolle bei der Verfolgung unkonventioneller Forschungsideen zu, ebenso wie bei der Fähigkeit, Netzwerke zu unterhalten. Die beobachtete Verschiebung von der Grundfinanzierung hin zu koordinierten Drittmittelprogrammen birgt die Gefahr, die Konkurrenzfähigkeit von Teilen der Wissenschaftsgemeinschaft zu unterminieren.
 

Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass unintendierte Effekte insbesondere dort auftreten, wo einfache Anreizsysteme der Komplexität des Wissenschaftssystems nicht gerecht werden. Paradoxerweise wirken Anreizmechanismen häufig bis zu bestimmten Schwellenwerten oder nur in bestimmten Disziplinen/Institutionstypen positiv, also intendiert. Werden die Mechanismen aber den spezifischen Erfordernissen der Wissensproduktion nicht mehr gerecht, kommt es nicht nur zu abnehmendem Nutzen, sondern sogar zu negativen Effekten. Um diesen unintendierten Effekten entgegenzuwirken, wäre eigentlich eine zunehmende Komplexität und Feinjustierung der Steuerungsinstrumente notwendig. Eine Feinjustierung auf diesem Niveau überfordert aber die Steuernden.
 


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