Tobias Semmet
Deutsches Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung (FÖV) Speyer
Puzzle
Innerhalb der EU ist das Politikfeld Forschung seit dem Europäischen Rat von Lissabon 2000 durch eine hohe Dynamik gekennzeichnet, im Vergleich zu anderen Politikfeldern jedoch nur gering integriert. Dies überrascht, weil der Handlungsbedarf in diesem Politikfeld schon seit den 1960er Jahren bekannt ist. Wie kann dieses Puzzle erklärt werden? Es zeigt sich, dass Forschung und Innovation von strategischer Bedeutung für die Position eines Staates im internationalen System sein können: Wissenschaft und Technologie sind daher auch als Quellen von Wohlstand, Macht und Prestige in den internationalen Beziehungen zu betrachten. Entsprechend groß ist das Autonomiestreben der Staaten in diesem Politikfeld und entsprechend gering fällt das Maß an Integration im Rahmen der EU aus. Findet Kooperation statt, so geschieht dies primär in intergovernmental geprägten Kooperationen unter geringer Verregelung und Verrechtlichung, oft sogar außerhalb der EU-Strukturen.
Ziele
Ziel der Untersuchung ist es: a) den Forschungsstand im Bereich der Sozialwissenschaften aufzuarbeiten; b) den Integrationsprozess nachzuzeichnen; c) das institutionelle Design im Politikfeld zu analysieren; d) zu prüfen, ob der Neo-Institutionalismus ein adäquates Theoriemodell zur Erfassung der Präferenzen der Akteure, des Spielraums der supranationalen Institutionen sowie der Interaktion zwischen Prinzipalen (Mitgliedstaaten) und Agenten (EU-Kommission) im Politikfeld ist. Das Projekt ist explorativ angelegt und wird der Generierung von Hypothesen dienen, um weitere Forschungsarbeiten anzuregen.
Theorie und Vorgehen
Dem Projekt wird das Theoriemodell des Neo-Institutionalismus in der Europäischen Integration zu Grunde gelegt. Mit seinen Ausprägungen Rational-Choice-Institutionalismus, historischer Institutionalismus und konstruktivistischer Institutionalismus bietet dieses Theoriemodell einen Analyserahmen mit hoher Reichweite und Aussagekraft. Ziel der Arbeit ist es nicht, die Validität des Theoriemodells systematisch zu testen. Vielmehr wird der Neo-Institutionalismus als Forschungsheuristik in einem allgemein als deduktiv verstandenen Ansatz zur Anwendung kommen. Die Theorie soll Hinweise bieten, worauf der Fokus bei der Analyse der sozialen Wirklichkeit zu richten ist. Sie dient als relativ lockeres Erklärungsmuster, um die Korrelation von Variablen generell zu beschreiben.
Erhoben wird das Feld auf dem Policy-Level (allgemeine politische Aushandlungsprozesse) mit den drei Analyseebenen EU-Institutionen, Regierungen und Forschungsförderorganisationen am Beispiel der BRD. Geführt werden Leitfaden gestützte Experteninterviews auf den drei Ebenen, die im Anschluss inhaltsanalytisch (qualitativ) oder durch Typisierungen ausgewertet werden sollen. Die Analyse wird durch eine offene Auswertung von Primär- und Sekundärquellen ergänzt.