Der unten ausgeführte Forschungsbedarf gab Anlass zur Gründung der DFG geförderten Forschergruppe "Governance der Forschung". Die Forschergruppe "Internationale Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsfähigkeit von Universitäten und Forschungsorganisationen - Neue Governanceformen" umfasst in der zweiten Förderungsphase (2006-2009) folgende Teilprojekte und assoziierte Projekte:

(Karte: GNU Free Documentation Licence; Quelle: http://www.mygeo.info)
Die Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen stehen seit Mitte der 90er Jahre unter verstärktem Reformdruck. Sie müssen sich angesichts geänderter und widersprüchlicher staatlicher und gesellschaftlicher Ansprüche, verstärktem Wettbewerb bei Ressourcenknappheit, Beschleunigung und Internationalisierung der Wissensproduktion in einem Europäischen Forschungsraum neu positionieren.
Langjährige Grundsätze der deutschen Universität wie eine relativ geringe Differenzierung und Stratifizierung im Hochschulsystem, fast unbegrenzter und gebührenfreier Studienzugang, die Stellung von Hochschullehrern und ihre aus der Freiheit von Forschung und Lehre abgeleiteten besonderen Rechte (z.B. Verwertungsrechte) oder eine kameralistische Haushaltsführung werden nicht mehr als selbstverständlich hingenommen. Evaluation von Lehre und Forschung, Zielvereinbarungen, Einbau von Marktmechanismen bzw. wettbewerbsähnlichen Elementen wie die formelgebundene Mittelverteilung, die Stärkung und Professionalisierung der Leitungsebenen sind Schlagworte in den universitären Reformvorhaben, die im Zuge der Ausdehnung der Ideen des New Public Managements im öffentlichen Sektor initiiert werden.
Im Bereich der außeruniversitären Forschung stehen erstmals seit der Etablierung eines Domänenkonsenses Mitte der 70er Jahre erhebliche Umstrukturierungen an. Das grundsätzliche Verhältnis der Säulen des deutschen Forschungssystems zueinander steht im Lichte der vom Wissenschaftsrat durchgeführten Systemevaluationen unter Veränderungsdruck. Auf der Tagesordnung steht zum Beispiel eine Umstellung der Forschungszentren von einer Direktfinanzierung über Wirtschaftspläne auf eine programmorientierte Förderung übergreifender Forschungsthemen oder die Integration der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung in die Fraunhofer-Gesellschaft.
Die Diagnosen der Politikberatung und die Umstrukturierungsmaßnahmen der Wissenschaftspolitik und der Wissenschaftsorganisationen zielen einerseits auf die Einführung von neuen, an betriebswirtschaftlichen Konzepten orientierten internen Managementverfahren ab. Gleichzeitig geht es aber auch um die Verstärkung des externen Wettbewerbs, die Einführung einer strategischen Setzung von Schwerpunkten in Programmbudgets der Forschungsförderung und die Förderung sowie Forderung von mehr Kooperation und Vernetzung angesichts des Zusammenwachsens vieler Technologien und der vielfältigen Rückkopplungen zwischen Grundlagen- und Anwendungsforschung. All dies geschieht im Wesentlichen, ohne dass die geplanten Wirkungen und möglicherweise auch unintendierten Konsequenzen auf die zentralen Leistungsmerkmale des Forschungssystems – die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Forschung – empirisch und theoretisch betrachtet werden. Vielmehr herrscht zur Zeit eine Mischung aus Reformeifer, Anpassungs- und Blockadestrategien vor, als deren Konsequenz sich eine unübersichtliche Gemengelage von organisations- und landesspezifischen Reformen und deren Auswirkungen auf die Forschungsfunktion des Wissenschaftssystems ergibt. Dieses Forschungsproblem will die Forschergruppe aufgreifen.
Die Forschergruppe setzt sich zum Ziel, die Realität der Reformpolitik „auf dem Papier“ und in der Umsetzung in den Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen empirisch und systematisch zu erfassen. Dabei sollen sowohl die internen als auch die externen Governanceformen der einzelnen Forschungsorganisationen und der Wissenschaftsorganisationen betrachtet werden. Insbesondere sollen die zentralen Steuerungsmedien Geld, Personal, Recht, Organisation und Entscheidungsverfahren untersucht werden. Zweitens sollen die Wirkungen der Reformen auf die Forschungsperformanz der Organisationen vor allem im Hinblick auf die Spielräume und Anreize für das Aufgreifen innovativer Forschungsfragen untersucht werden. Hierbei sollen sowohl ausländische Vergleichsmodelle herangezogen werden als auch im zeitlichen Vergleich Veränderungen und Wirkungen der Reformpolitik festgehalten werden. Schließlich können sich hieraus auch Gestaltungsempfehlungen ergeben. Zusammenfassend sollen die positiven und normativen Bedingungen des Einsatzes neuer Governancemodelle in Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen analysiert werden.
Die Forschergruppe führt bei ihrer Analyse der Reformprozesse und deren Konsequenzen für das deutsche Forschungssystem rechts-, sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Ansätze zusammen. Gemeinsamer Rahmen sind akteurbezogene, institutionalistische Theorieansätze aus der Rechtswissenschaft, der Wirtschafts- und der Sozialwissenschaft, die in unterschiedlichem Mix Anreize, Vertragsgestaltung und Erwartungsstabilisierung durch Normen und Vertrauen als Koordinationsmechanismen in komplexen, durch Interdependenz gekennzeichneten Konstellationen thematisieren. Insgesamt kooperieren in der zweiten Förderungsphase neun Teil- und Zentralprojekte (P5 als assoziiertes Projekt) sowie vier assoziierte Projekte miteinander, die durch gemeinsame Auswahlverfahren, Matching oder Schachtelung der Untersuchungsobjekte aufeinander bezogen sind und mit gemeinsamen (Kontext-)Datensätzen arbeiten.
In der nun anstehenden zweiten Phase, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bis zum 30.11.2009 bewilligt wurde, werden die Teilprojekte ihre Analysen verstärkt darauf ausrichten, die Ursachen für fehlende bzw. geringe oder kontraproduktive Wirkungen von Veränderungen der externen und internen Governance von Universitäten und Forschungsorganisationen zu identifizieren. Ein besonderes Augenmerk wird hierbei auf den neuen Verknüpfungen von interner und externer Governance liegen, wie sie sich in Förderprogrammen wie der Exzellenzinitiative oder der Forcierung von Verfahren der Forschungsevaluation zeigen. Hiervon könnten erhebliche Effekte im Sinne einer Stratifizierung des deutschen Universitätssystems und einer stärkeren Differenzierung von Forschung und Lehre ausgehen. Die Suche nach den Ursachen für den sich in der ersten Förderphase abzeichnenden Befund geringer Reformeffekte in Deutschland legt – neben dem Fokus auf diese Problemstellung in den Wiederholungsbefragungen – einen Vergleich mit bereits länger etablierten bzw. erfolgreicheren Reform- und Governancemodellen nahe. Mehrere Teilprojekte werden daher in der zweiten Forschungsphase internationale Vergleichsstudien anstellen bzw. fortführen. Drei wesentliche Präzisierungen zur Entwicklung und Relevanz der verschiedenen Dimensionen des Governancemodells der Forschergruppe werden die Arbeit der Gruppe in der nächsten Phase anleiten:
Wichtigstes Ergebnis der Reformbeobachtung ist, dass externe wettbewerbliche Governance an Einfluss sowohl auf die Veränderungen auf der Mesoebene der internen Governance der Universitäten und Forschungseinrichtungen, als auch auf der Mikro-Ebene der Forschung gewinnt. Daher wird die Rolle von Forschungsförderungsorganisationen stärker in den Analysefokus genommen werden.
Mit der Verschiebung der Einflussfaktoren zugunsten des Wettbewerbs um Drittmittel, aber auch des Wettbewerbs um interne Finanzierungsmittel, entstehen neue Aufgaben. Wettbewerb bedarf der Gewährleistung und Qualitätssicherung in einem unvollkommenen Markt ohne klare Preise/Qualitäten und mit nur wenigen „Nachfragern“. Hier geht es z.B. um die Definition sowie Implementation großer wettbewerblicher Förderprogramme oder die Evaluation von Forschungsinstitutionen. Wie und von wem werden diese Aufgaben wahrgenommen? Welche Effekte gehen hiervon auf die interne Governance von Forschungseinrichtungen sowie auf die bisher auf der Mikroebene dominanten informalen Governancemechanismen (Netzwerke, Domänenskonsens, intellektuelle Koordination durch die scientific community) aus? Diese Fragen werden einen zweiten Analysefokus unseres Forschungsprogramms bilden. Denkbar wäre etwa, dass es zu einer Auflösung des Domänenkonsens infolge stark anwendungsorientierter Förderprogramme und (Unterstellungen von) stark an außerwissenschaftlichen Relevanzen orientierten Evaluationskriterien kommen könnte.
Drittens soll ein in allen Projekten aufscheinendes Ergebnis aufgegriffen werden: die wachsende Bedeutung der EU auf allen Ebenen der Analyse des Forschungssystems (Forschungs- und Netzwerkhandeln auf der Mikro-Ebene, Internationalisierungs- und Drittmittelstrategien auf der Ebene von Universitäten, Wissenschaftsorganisationen und Forschungseinrichtungen, Effekte auf die nationalen Forschungs- und Förderungspolitiken). Diese supranationale Ebene wollen wir hinsichtlich ihrer Gestaltung und ihre Wirkungen sowohl auf der Makroebene (EU-Rahmenprogramme, ERC, Intermediäre Organisationen auf EU-Ebene) als auch aus der „Froschperspektive“ der betroffenen Universitäten, Forschungseinrichtungen und Forscher näher untersuchen.
In der ersten Förderungsphase (2003-2006) umfasste die Forschergruppe folgende Teilprojekte und assoziierte Projekte: